Lasting long – Coming soon

Zur Ausstellung:

Zwölf Guckkästen bevölkern vom 23. August bis 27. Oktober 2019 verschiedene Plätze der Stadt. Anwohner und Besucher erhaschen darin einen Blick auf die bekannte Ansicht des Münsterhügels vom Kleinbasler Rheinufer her. Allerdings: Das Münster ist verschwunden. Stattdessen sieht man ein ganz anderes Gebilde oder sogar eine klaffende Leerstelle. Das Moment der Irritation lenkt den Fokus auf den Ort und sensibilisiert auf eine neue, differenzierte Wahrnehmung des Münsters selbst. Bespielt werden die Guckkästen durch lokale und internationale Künstler und Architekten mit dem Aufruf, eine visuelle Antwort auf die Fragestellung «was läge uns am Herzen, wenn das Münster abhanden käme?» zu platzieren. Dabei bleibt in der Ausschreibung völlig offen, wie die Teilnehmer den Ort neu denken. Einzig das Ausgangsbild sowie die Umsetzung in Form einer Fotomontage werden vorgegeben.

https://www.1000jahre.ch/

 

Unbekannter Künstler, Fotografie, ca. 1844, Daguerreotopie auf versilberter Kupferplatte.

Auf die Frage „Was wäre wenn… uns das Münster abhanden käme?“, möchten wir gerne die Gegenfrage stellen „Was wäre wenn… das Münster anders gebaut worden wäre?“. Bereits die Ausrichtung des heutigen Baus weicht von der Norm ab: Der Chor zeigt nach Nordosten und nicht nach Osten wie bei christlichen Sakralbauten sonst üblich. Wie würde die Stadtsilhouette zum Rhein aussehen, wenn das Münster sich diesem zuwenden würde? Wie würde sich ein zum Wasser hin geöffneter Münsterplatz anfühlen? Würde dies mit aktuellen stadträumlichen Entwicklungen der Stadt korrespondieren, die sich durch die steigende Popularität des Rheinufers als Freizeitort kontinuierlich zum Fluss hin orientiert? Wäre es gar ein symbolisches Zeichen für die Einheit der beiden Stadtteile Gross- und Klein-Basel, die historisch und bis heute durch Rivalitäten geprägt sind? Bei genauerer Betrachtung ist es vielleicht kein Wunder, dass die Symbolfigur des Vogel Gryff beim alljährlichen traditionellen Tanz sein Hinterteil Richtung Gross-Basel streckt – tut doch das Basler Münster dasselbe in Richtung Klein-Basel.

Architektur prägt unsere Städte, und Städte unsere Gesellschaft. Es war eine der grossen Mythen des Modernismus, dass Architektur die Gesellschaft verändern kann, und doch stehen die beiden in einer Wechselwirkung. Wir finden es faszinierend uns vorzustellen was eine Drehung des Münsters für räumliche, politische und gesellschaftliche Auswirkungen gehabt hätte, wie derselbe Ort in einer neuen Lesart umgedeutet werden könnte. Wer weiss, vielleicht wäre auch alles gekommen wie es immer schon war, nur dass der Vogel Gryff statt sein Hinterteil zu zeigen, heute Kusshände in Richtung Gross-Basel werfen würde.

Weyell Zipse & Hörner, 2019