Guggach III

1. Preis
Selektiver Wettbewerb, Zürich, 2018
Weyell Zipse Architekten mit ARGE Donet Schäfer Architekten + Tanja Reimer und Atelier Loidl Landschaftsarchitekten

 

Jonglieren mit Gegensätzen
Bauen im urbanen Kontext ist mehr und mehr geprägt von Zielkonflikten, innerhalb derer der entwerferische Spielraum für unser Wohn- und Lebensumfeld scheinbar sukzessive schwindet. Der Lärmschutz kollidiert mit den Anforderungen zur Verdichtung nach Innen; innovative Energiekonzepte bedingen Kosten, die auf die gemeindepolitisch legitimierte Forderung nach mehr bezahlbarem Wohnraum prallen. Wie kann man sich in diesem Dilemma noch virtuos bewegen? Das entwerferische Spiel mit inhaltlichen Gegensätzen, die räumlich übersetzt und im Ausdruck überhöht werden, bildet die Grundlage für eine Flucht nach Vorne.

Vieldeutigkeit und Präzision
Einfache aber präzise gesetzte und architektonisch artikulierte Bauten bilden ein lose gefügtes Ensemble. Im Dialog mit der Umgebung entsteht eine Komplexität der Massstäbe und Stimmungen als Voraussetzung für das Einnisten von Urbanität.
Die Kreuzung Wehntaler-/Hofwiesenstrasse ist als wichtiger städtischer Knotenpunkt räumlich schwer lesbar und bietet wenig Aufenthaltsqualität. Der Entwurf muss sich daher in das bestehende Stadtgefüge einordnen und gleichzeitig einen neuen Ort, oder besser eine Sequenz von Orten etablieren. Während die Wehntalerstrasse schon im 19. Jahrhundert eine der Haupteinfallachsen in die Innenstadt von Zürich war, hat sich die Gewichtung durch die Entwicklungsgebiete Zürich West und Oerlikon mehr und mehr zu einem gleichberechtigen Verkehrskreuz gewandelt, was sich in der hohen Lärmbelastung und der Morphologie des Ortes ausdrückt. Übergeordnete Bauten wie das Radiostudio oder die Schule Allenmoos, aber auch viele durchgrünte Wohnsiedlungen stehen orthogonal zur Wehntalerstrasse, auch wenn die Grundstücke nicht direkt an sie angrenzen. Strassenbegleitende Gebäude entlang der Hofwiesenstrasse weisen dagegen den Weg nach Oerlikon. Die Überbauungen Guggach 1 und 2 bringen einen neuen Massstab ins Quartier und besetzen als Inseln mit Binnenräumen die Baufelder am Waldrand.
Der Entwurf reagiert auf die disperse Situation mit einer präzisen Setzung einfacher Körper. Vier Bauten nehmen die Richtung der Wehntalerstrasse auf und schaffen an der Hofwiesenstrasse Raum. Sie fügen sich zu einem heterogenen Ensemble mit orthogonaler Ordnung. Die Komposition begrenzt den neuen Quartierpark und vernetzt ihn zugleich mit den bestehenden Freiräumen. Das Freiraumband aus Friedhof, Gemeinschaftsgärten, Park und GZ wird auf diese Weise als öffentliche Erholungszone gestärkt. Während das Schulhaus ganz selbstverständlich die Wehntalerstrasse begleitet, drehen sich die Wohnbauten je nach Perspektive in die Hofwiesenstrasse hinein oder aus ihr heraus. Die resultierende Aufweitung gegenüber der Tramhaltestelle wird zu einem kleinen Quartierplatz.
Das Ensemble wird in seiner Grundordnung bestechend einfach gebildet, erreicht im Dialog mit der Umgebung und im architektonischen Ausdruck jedoch eine hohe Komplexität. Von der Hofwiesenstrasse betrachtet treten die Wohnbauten mit grosser Präsenz als ungleiches Gebäudepaar auf, das durch den Bruch in der Strassenflucht den Übergang von Unterstrass nach Oerlikon markiert. Parkseitig fügen sich die strukturellen Fassaden der zwei Scheiben wiederum zu einer Raumkante. An den Stirnseiten greifen die muralen und die feingliedrigen Elemente der Fassade ineinander, ragen turmartig empor und kontrastieren damit den Gewerbesockel im Erdgeschoss.
Durch die klare Raumbildung und die heterogene Erscheinung entsteht eine Sequenz von charaktervollen Stadträumen, die durch wiederkehrende architektonische Elemente wie die eingefärbten überdimensionierten Beton-Säulen ausgezeichnet und mit einer programmatische Dichte kohärent bespielt werden.

Konzentration und Freiheit
Die Lage am Park dient als Inspiration für ein spezifisches Schulraumkonzept, das Kindern sowohl nachvollziehbare robuste Strukturen und Einheiten als Lernort bietet, wie auch undeterminierte Räume zur Aneignung.
Ein Schulhaus muss heute Einiges leisten: Pädagogische Konzepte entwickeln sich dynamisch weg vom Frontalunterricht, hin zum selbständigen Lernen in Gruppen –die Realität sieht aber vielerorts noch anders aus. Die Einführung der Tagesschule wird von ebenso viel Euphorie wie Skepsis begleitet. Neue räumliche Ansprüche müssen daher genauso Berücksichtigung finden wie ein hohes Mass an Flexibilität. Unter wirtschaftlichem Druck soll auf kleinstem Raum Konzentration ebenso möglich sein wie informeller Austausch, freies Spiel und Bewegung. Die Bedeutung als übergeordneter Baustein mit Quartierbezug und die Ausrichtung auf kleine Kinder als Nutzer stellen höchste Anforderungen an die innere Organisation und die Ausstrahlung des Hauses.
Die Freiluftschule in der Cliostraat in Amsterdam von Johannes Duiker (1930) dient als Inspiration für ein Schulhaus mit einem räumlichen Gerüst, das die Umgebung einbezieht und so Orte für informelles Lernen und Leben in das Volumen integriert. Dieser Idee folgend umarmt das Schulgebäude einen Hofraum, der Geborgenheit ausstrahlt, sich gleichzeitig aber grosszügig zum Park öffnet. Hier kommt man am Morgen an, verteilt sich auf die Cluster und trifft sich in der Pause wieder. Bei schönem Wetter wird auch mal eine Lerneinheit oder Gruppenarbeit auf die Terrassen der Laube verlegt. Durch eine sensible Ausrichtung der Räume bleiben die Schulzimmer gleichzeitig Orte des Rückzugs und der Konzentration.
Die innere Struktur des Primarschulhauses ist auch für die Kleinsten unter den Kindern nachvollziehbar in neun funktionale Cluster aufgeteilt, die direkt über den gemeinschaftlichen Hofraum erschlossen werden: In den zwei Obergeschossen verteilen sich auf die Gebäudeflügel vier Lerncluster mit dazwischengeschalteten Musik-Clustern. Im Erdgeschoss befinden sich ein gemeinschaftliches Cluster für die Tagesbetreuung und Veranstaltungen, ein ruhiges Büro- und Bibliotheks-Cluster sowie die Oberlichtlaterne für das Sport-Cluster mit dem Zugang zur unterirdischen Turnhalle. Die Aufteilung in abschliessbare Einheiten schafft eine kleinteilige Struktur ähnlich zu einer dörflichen Schulanlage und ermöglicht den Betrieb mit unterschiedlichen Öffnungszeiten.
Um die Sporthalle über den Schulbetrieb hinaus auch für die Quartieröffentlichkeit und Vereine attraktiv und zugänglich zu gestalten, belichtet eine Oberlichtlaterne den Publikumsbereich im ersten Untergeschoss und durch die Galerie ebenso die vollständig eingegrabene Turnhalle. Aus dem Strassenraum reicht der Blick bis auf das Spielfeld und macht Passanten zu Zuschauern. Der zweigeschossige Galerieraum kann für Vereinsfeste genutzt oder für Workshops, Theater und Tanz in den Schulbetrieb integriert werden.
Der Pausenplatz im Aussenraum ist eine Erweiterung des überdachten Hofraums der Schule und wird durch eine für Spiel und Sport geeignete EPDM-Fläche definiert. Der Allwetterplatz mit Markierungen für unterschiedliche Sportarten und in Kombination mit der Weitsprunganlage zu einem kompakten und vielseitigen Sportplatz –gerahmt durch einen Ballfangzaun. Alternative Markierungen auf dem angrenzenden Pausenhof laden zur kreativen Interpretation unterschiedlicher Spielarten ein. Zusammen mit einer mobilen Ausstattung können flexible und variierende Spielangebote geschaffen werden, die von den Schülern mit gestaltet werden können.